Erkenntnis

Spurensuche nach community in Nordamerika

Stefan Köngeter/Christian Reutlinger

Viele soziale Fragestellungen – verbunden mit dem Aufwachsen, Alt-Werden bis hin zur sozialen Integration – scheinen im Sozialraum lösbar. Nicht verwunderlich also, dass sozialräumliche beziehungsweise gemeinwesenorientierte Ansätze in deutschsprachigen Ländern derzeit einen Boom erleben. Immer wieder werden ihre nordamerikanischen Wurzeln betont. Diese sind jedoch verzweigter als gedacht.

Die Erinnerung an die eigenen Wurzeln dient in der Sozialen Arbeit eher dem unausgesprochenen Ziel der Selbstvergewisserung sowie der Gewährung des fachlichen Anschlusses. Die dadurch sichtbar werdenden historischen Entwicklungslinien scheinen verdächtig durchgehend und eindeutig. Community-Ansätze setzen nicht an der Korrektur der Einzelpersonen an, sondern nehmen, viel progressiver, die Bearbeitung der Ursachen des gesellschaftlich verursachten Leidens in den Blick. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama beispielsweise, seines Zeichens Gemeinwesenarbeiter, orientierte sich in seiner Arbeit an dem US-amerikanischen Bürgerrechtler und «community organizer» Saul Alinsky (1909- 1972) und erschien dadurch noch fortschrittlicher. Jedoch kaum jemand betrachtet die sogenannten «Chronoferenzen», wie der Historiker Achim Landwehr das komplexe Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart und die daraus hervorgehenden Vieldeutigkeiten bezeichnet. 

Re-Boom von Communicty

Befeuert von der Idee der Chronoferenzen begaben sich die Autoren auf Spurensuche in ein digitales Archiv, in dem die Veröffentlichungen der nordamerikanischen Konferenzen für Soziale Arbeit (damals noch Charities and Correction) gesammelt werden: Es zeigt sich, dass beide Begriffe «community» und «neighborhood» – ins Deutsche nur unzureichend mit Gemeinwesen, Gemeinschaft, Nachbarschaft, Quartiere, etc. übersetzt – in den USA und Canada eine lange und wechselhafte Karriere hinter sich haben. In den 1910er-Jahren erlebte die Diskussion einen eindrücklichen Höhepunkt. Wer hat zu diesem Boom beigetragen? Wer hat welche Interessen verfolgt? Warum fand dieser Boom gerade zu jenen Zeitpunkten statt?

Überraschende Vieldeutigkeiten

Landläufig wird angenommen, dass die Diskussion um «community» und «neighborhood» vor allem von progressiven Kräften innerhalb der Sozialen Arbeit geprägt wurde. Durchgehend wird die sogenannte Settlement-Bewegung als Ursprung von Community-Ansätzen erwähnt, die durch die Friedensnobelpreisträgerin Jane Addams berühmt wurde. Deren Hauptgedanke bestand darin, dass sich die bürgerliche Schicht nicht länger in ihren eigenen Quartieren abschotten, sondern gezielt in die Slums der damaligen Grossstädte ziehen sollte, um das Leben der exkludierten Teile der Gesellschaft besser zu verstehen. Der vertiefte Blick in die Diskussion zu jener Zeit zeigt jedoch ein überraschendes Bild: Zahlreiche im damaligen Feld der Sozialen Arbeit vertretene soziale Bewegungen, aber heute als eher konservativ kategorisierte Vertreterinnen und Vertreter, die die Korrektur des Individuums und seiner Familien ins Zentrum rückten, diskutierten die Bedeutung von «communities» und «neighborhoods» und regten soziale Reformen an. Umgekehrt konnten wir feststellen, dass auch die Settlement-Leute selbst eher heterogen waren und durchaus auch konservative, christliche, zuweilen auch rassistische Positionen vertreten haben. Wichtig waren also nicht einzelne soziale Bewegungen, sondern gerade die Vielstimmigkeit und der gemeinsame Bezug auf «communities» und «neighborhoods», der zu einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs stattfand: Migration spielte hier genauso eine Rolle wie die Zunahme von Klassenkonflikten, die zunehmende Urbanisierung und die Skandalisierung der Nebenfolgen einer ungezügelten Industrialisierung. Was lernen wir aus alldem für unsere heutige Situation? Gerade wenn wir uns auf internationale und historische Kontexte beziehen, lohnt sich ein genauerer Blick in die Vielfältigkeit und Komplexität der Entwicklungsprozesse und der Prozesse der Übersetzung von Wissen zwischen verschiedenen nationalen und regionalen Kontexten. Die Ergebnisse zeigen auch, dass solche Konjunkturen von Diskursen vielfältige «Wurzeln» haben, die wir nicht alleine auf einen bestimmten Akteur, zum Beispiel eine soziale Bewegung, zurückführen können. Das mag zwar nicht so sehr der Selbstvergewisserung dienen. Jedoch kann die Erkenntnis auf lange Frist helfen, thematische Konjunkturen wie derzeit um Sozialraum besser einschätzen zu können. Dies ist gerade dann wichtig, wenn man sich selbst in einer solchen historischen Epoche befindet.

IN VANCOUVER UND TORONTO

Die gemeinsame Spurensuche begann eher zufällig am Strand von Vancouver. Ein Ort, der nicht unbedingt darauf schliessen lässt, dass hier wissenschaftliche Neugier zu einem historischen Projekt führen würde. Christian Reutlinger befand sich in Vancouver auf Spurensuche nach nordamerikanischen Ansätzen der Sozialgeographie, Stefan Köngeter in Toronto nach der transatlantischen Geschichte der Sozialen Arbeit am Anfang des 20. Jahrhunderts. Vielleicht sind es solche «dritten Räume», wie ein Strand, die frei von wissenschaftlichen Zwängen sind, die Überlegungen jenseits der bereits betretenen Pfade wissenschaftlicher Forschung möglich machen. Das vorläufige Ergebnis dieser Spurensuche in historischen Diskursen um Sozialraum und Gemeinschaft mündet in ein «Studienbuch Geschichte der Gemeinwesenarbeit», welches Stefan Köngeter und Christian Reutlinger dieses Jahr beim Verlag SpringerVS veröffentlichen.

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