Archivausgabe
Erkenntnis

Digital Natives verändern die Freiwilligenarbeit

Daniel Jordan

Die Nachwuchsförderung gehört zu den wichtigsten Herausforderungen des zivilgesellschaftlichen Sektors. Die Bedürfnisse und Verhaltensweisen von jungen Menschen verändern sich im digitalen Zeitalter rasant. Neue Ideen sind gefragt, um Freiwilligenarbeit für sie attraktiv zu gestalten. Die FHS führte deshalb eine Befragung durch, an welcher 2618 Digital Natives teilnahmen.

Den Begriff «Digital Natives» prägte der US-amerikanische Autor und Manager Marc Prensky. Er versteht darunter jene Generation, die mit di­­gi­talen Technologien vertraut ist, weil sie mit diesen aufgewachsen ist. Internet, Computerspiele und Instant Messag­ing sind integrale Bestandteile ihres Lebens. Diese allgegenwärtige Infrastruktur und die massive Interaktion führen zu anderen Denkmustern und zu einer unterschiedlichen Art und Weise, Informationen zu verarbeiten. Deshalb stellen sich zahlreiche zivil­gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure die Frage, wie sie junge Menschen zukünftig erreichen und motivieren können. Dazu befragte das In­stitut für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswirtschaft IQB-FHS im Frühling 2019 in einer Online-Umfrage Digital Natives zwischen circa 16 und 25 Jahren im Kanton St.Gallen. Das Projekt hat das IQB-FHS in Zusammenarbeit mit der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen, der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen sowie dem Bistum St.Gallen durchgeführt.

Jung, dynamisch und freiwillig engagiert

Junge Menschen engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Zivilgesellschaft. 92 % der Befragten gaben an, bisher mindestens ein Mal Freiwilligenarbeit geleistet zu haben. 51% sind zum Zeitpunkt der Datenerhebung freiwillig engagiert. Das frei­willige Engagement steigt dabei mit zunehmendem Alter.

Ein Desinteresse gegenüber gemeinnütziger Arbeit hat sich im Rahmen der Studie nicht bestätigt. Im Gegenteil: Viele junge Menschen ­engagieren sich freiwillig, obgleich schulische, berufliche oder familiäre Verpflich­tungen viel Zeit und Energie beanspruchen.

In Bezug auf die aktuellen Interessen erhielten die Bereiche Sport (56 %), Kultur und Freizeit (47 %) sowie Bildung/Erziehung (44 %) den höchsten Zuspruch bei den Jungen. Ein Blick auf das mögliche Zulaufpotenzial an Freiwilligen gegenüber der heutigen Situation zeigt, dass im Bereich Umwelt-/Natur-/Tierschutz das grösste Potenzial besteht (+19 %). Der hohe Wert kann unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass seit Anfang 2019 mehrere Hundert Jugendliche im Rahmen der globalen Klimabewegung mehrfach in den Klimastreik ­getreten sind.

Welche Bereiche würden dich momentan am meisten interessieren für einen freiwilligen Einsatz? (Mehrfachauswahl)
Digital Natives würden sich am ehesten im Sport freiwillig engagieren. Ebenfalls einen hohen Stellenwert hat bei ihnen ein Einsatz im Bereich Kultur und Freizeit sowie für die Umwelt, die Natur und den Tierschutz.

Professionelle Begleitung der Digital Natives

Ein Grossteil der Befragten (82 %) fühlte sich im Rahmen ihrer frei­willigen Tätigkeit ausreichend durch erfahrene Personen eingeführt und begleitet. Dieser hohe Wert spricht für eine ansprechende und zeitgemässe Führungs- und Mentoringarbeit in gemeinnützigen Organisationen und selbstorganisierten Gruppen. Werden die ersten Gehversuche partizipativ und mit angemessenen Entfaltungsräumen gewährt, steigt die Chance, dass sich junge Menschen auch längerfristig für die Zivilgesellschaft engagieren.

Elternhaus und Schule als zentrale Vorspurer

Im Hinblick auf den Einfluss des ­Elternhauses gaben 81% der Freiwilligen an, dass auch andere Familien­mit­glieder freiwillig engagiert sind. Im Vergleich dazu waren es bei den nicht freiwillig Engagierten lediglich 60 %. Auch die Rolle von Bildungsinsti­tu­tionen wurde analysiert. Fast ein ­Drittel der Befragten gab an, dass Freiwilligenarbeit während ihrer Schul-/Studienzeit gar nicht thematisiert wurde. Wird die Antwortmöglichkeit «eher wenig» dazugerechnet, erreicht dieser Wert sogar 78 %. Dieser hohe Wert ist dahingehend als kritisch zu betrachten, da schulische Initiativen als ideale Übungsfläche für gemeinnützige Aktivitäten und erste Wirksamkeitserfahrungen angesehen ­werden.

WhatsApp und Instagram sind Trumpf 

Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten der Kommunikation. Im Bereich der digitalen ­Kanäle wird WhatsApp von den Digital ­Natives mit Abstand am stärksten genutzt (93 %). Vor allem Gruppenchats sind ein Feature, das es Vereinen ermöglicht, untereinander einfach und direkt zu kommunizieren. Auf den weiteren Rängen folgen Instagram (62 %) sowie YouTube (53 %). Facebook verliert hingegen an Bedeutung. In Bezug auf die Nutzung von digitalen Technologien ist jedoch auch festzuhalten, dass Motivation und Gemeinschaftsbildung weiterhin stark im Analogen verortet bleiben.

Die Ergebnisse der Studie werden am Kantonalen Tag der Freiwilligen vom 23. November 2019 erstmals öffentlich präsentiert und diskutiert. Für die zivil­gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure sind die Erkenntnisse von Bedeutung hinsichtlich der Frage, ­welche Voraus­setzungen sie ihrerseits schaffen müssen, um Freiwilligenarbeit für junge Menschen attraktiv zu gestalten. Denn nur wenn sie sich mit den Chancen und Risiken auseinander­setzen, können sie die digitale Zukunft aktiv mitgestalten. In dieser Hinsicht ist abschliessend festzuhalten, dass die Protagonisten nicht im Sinne eines übertriebenen Aktionismus alles digitalisieren müssen. Sie benötigen aber zumindest eine Strategie für das digitale Zeitalter.

Weitere Informationen zur Studie

>>Daniel Jordan ist Leiter Kompetenzbereich Empirische Datenerhebung/Markt- und Unternehmensanalysen am In­stitut für Qualitätsmanagement und Angewandte Betriebswirtschaft IQB-FHS.

Weitere Artikel zum Thema