Schlusspunkt

Räume machen Leute

Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph

Ich war kürzlich in einem dieser Schweizer Historic Hotels, es reicht ins 18. Jahrhundert zurück, chic aufgefrischt, doch man sieht ihm an, dass es schon einiges hinter sich hat. Räume mit bewegter Vergangenheit, mit Sinn für rauschende Feste, mit Diskretion für kleine schmutzige Geheimnisse, mit Trost für Narben, die das Leben schlägt. Sie verstehen sich prima mit dem ewigen Problemfall Mensch. Jedenfalls merkte ich plötzlich: Ich bewege mich bewusster, ich achte auf Haltung, auf meinen Gang, meine Redeweisen. Der Anspruch der Räume springt über auf meinen Anspruch an mich selbst. Ich bringe mich in Bestform, bin eine Spur kulti­vierter als normal, etwas klüger, ge­selliger, aufmerksamer, lustiger. 
Die Kulisse, sagt man, ist das halbe Theater. Räume sind nicht Raum­hüllen, sie sind eher Kulissen, sie ­laden zum Spiel auf der Bühne. Dabei geben sie die Art des Spiels schon vor. Was gibt es in diesem Raum zu spielen – ein Trauerspiel, einen Schwank, eine Posse, ein Lustspiel? Wirken Räume animierend, leben wir auf, das Spiel wird reich. Wirken Räume abweisend, schrumpfen wir – oder rasten aus. Schliesslich sind wir keine reinen Geister, sondern Sinnenwesen. Also kommt es darauf an, wie unsere Sinne ge­füttert, gelenkt, im besten Fall verzaubert werden. 

Wo ich bei zeitgenössischen Bauten von Ratio schwärme, von technischer Raffinesse und kühler Funktiona­lität, kapiere ich hier sogleich: Atmosphäre ist wichtig! Empfindung! Intensität! Stil! Eleganz! Hier beschränkt sich Architektur nicht auf transparente Rechtwinkligkeit und riesige Fenster, hier baut sie auf Sinn und Sinnlichkeit, sie weiss aus Erfahrung, wie beschwingt ein Raum sein kann, wie erhebend, wie verführerisch, sie weiss, warum Menschen in Räumen geborgen sind oder abgelehnt oder an­geregt. 

Gilt telquel für Aussenräume. Am besten nehmen sie uns in eine Erzählung hinein, wie die sagenhaften ­Piazze ­italienischer Kleinstädte. Da lebt eine reiche Wechselwirkung zwischen Architektur und mensch­lichem Körper. Der Mensch fühlt sich in gebauter Umgebung umso wohler, je viel­fältiger er mit Architektur «kommunizieren» kann. Das heisst: Je mehr er von sich selbst in der Architektur wiederfindet. Darum hat er (die Neuro­wissenschaft weiss es längst) eine Vorliebe für Architektur, bei der etwas übersteht, bei der es Erker gibt und Terrassen, Vorsprünge, wo wir uns unterstellen können. Wir sind ja darauf programmiert, Gesichter zu erkennen, und wir freuen uns, wenn das auch bei Gebäuden gelingt, wenn sich an Fassaden (wie bei uns) etwas findet, das vorsteht und auffällt, das sich leicht einprägt und eindeutig wiedererkennen lässt. Und da wir dauernd nach Orientierung suchen, sollten öffentliche Plätze wie ein Handlungsbogen funktionieren, mit Aufforderungen zum Tun, mit einem Ablauf, mit so etwas wie Anfang, Mitte und Schluss. So kultivieren Räume uns Menschen.

Wenn aber alles gleich und glatt aussieht? Dann versetzen sie uns in einen Zustand aggressiver Gelangweiltheit. Die einen werden niedergeschlagen, andere wütend. So machen, wie gesagt, Räume Menschen.