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Brennpunkt

Die Arbeitswelt freiräumen

Christian Jauslin 

Bedeuten weniger Regeln mehr Freiheit? Neue Arbeitsmodelle zielen auf diese Prämisse ab. Starre, enge Strukturen sollen mehr Selbstgestaltung, Diversität und Eigenverantwortung weichen. Was aber braucht es, damit Mitarbeitende Freiräume gewinnbringend nutzen können? Antworten liefern FHS-Studien.

Keine fixen Arbeitszeiten oder -plätze, Selbstorganisation in (Projekt-)Teams, flache Hierarchien oder gar keine. Die Regeln der Arbeitswelt scheinen sich aufzulösen, neue Freiräume entstehen. Deren Wichtigkeit und Nutzen werden generell bestätigt und mit mehr Identifikation, Kreativität und einer hohen Arbeitsqualität begründet. «Wer den Mitarbeitenden Freiräume und Vertrauen gewährt, der wird Engagement und Vertrauen ernten», fasst Roland ­Waibel, Leiter des Instituts für Unternehmensführung IFU-FHS, zusammen.

Dass Mitarbeitenden Freiräume gewährt werden müssen, kann somit als etablierte Erkenntnis bezeichnet werden. Oder, wie Alexandra Cloots, Co-Leiterin des HR-Panel New Work, bemerkt: «Diese Entwicklung ist bereits so weit fortgeschritten, dass man sich dem nicht mehr ­verwehren kann. Und sie ist nicht nur Jüngeren geschuldet, auch ältere Mitarbeitende wollen eine sinnvolle Arbeit mit Eigenverantwortung, sowie frei und selbstbestimmt arbeiten.»

Verantwortlichkeiten aufräumen

Damit solche Freiräume von Mitarbeitenden Nutzen bringend ausgefüllt werden können, sei es notwendig, eine Kongruenz der Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortungen herzustellen. «Mitarbeitende brauchen zu ihren Aufgaben nicht nur Verantwortlichkeiten, sondern auch die entsprechenden Freiräume, beziehungsweise Kompetenzen, um diese zu gestalten», sagt Roland Waibel. Doch gerade hier scheint es zu stocken, so die Feststellung von Sibylle Olbert-Bock, Leiterin des Kompetenzzentrums Leadership und Personalmanagement. Führungskräfte sollen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oft Freiräume gewähren, «ohne dass ihnen selbst die dazu notwendigen Freiräume zugestanden werden».

Roland Waibel benennt eine solche Limitierung des möglichen Spielraums: «Unternehmen sind soziale Systeme und um die Idee der Zusammenarbeit gebaut. Ohne Zusammenarbeit können die unternehmerischen Potenziale nicht ausgeschöpft werden. Ein Unternehmen muss demnach so viele individuelle Freiräume gewähren, dass noch ausreichend Zeit und Ressourcen für intensive Zusammenarbeit bleiben.» Hinzu kommt, dass gemäss Alexandra Cloots die gesetzlichen Rahmenbedingungen noch nicht auf diese neuen Freiräume ausgerichtet sind – Stichwort Zeiter­fassung. Sibylle Olbert-Bock betont, Freiräume würden grundsätzlich zwar geschätzt. «Sie überfordern aber bestimmte Personen oder führen bei anderen zu Selbstausbeutung.»

Regeln wegräumen

Eine viel genannte Forderung der Mitarbeitenden betrifft den Freiraum zur Vereinbarkeit von Arbeit und Privat­leben. Hier erkennt Ursula Graf, ­Leiterin der Fachstelle Gender und Diversity an der FHS St.Gallen, einen Trend: «Es wird zukünftig darum gehen, Mitarbeitenden möglichst vielfältige und individuelle Freiräume zu gewähren und zugleich mannigfache Unterstützungsangebote bereitzustellen.» Diese Forderung schlägt sich aber heute im Arbeitsalltag noch nicht nieder. Die aktuelle HR-Panel-­Studie stellt fest, dass die Digitalisierung weniger Freiräume schafft, sondern in der Wahrnehmung vor allem zu Effi­zienzdruck und mehr Regeln führt.

So werde der Forderung nach Freiräumen zum Lernen, also Zeit und Ressourcen zu bekommen, um sich in ein Thema zu vertiefen, nicht nachgekommen, sagt Alexandra Cloots. Ein Freiraum zum Lernen wäre allerdings einer, welcher allen Personengruppen zugutekommt. Denn wie Sibylle ­Olbert-Bock feststellt, profitieren Entwicklungsmitarbeitende meist stärker von Freiräumen als Leute aus der Produktion.

Wer den Mitarbeitenden Freiräume und Vertrauen gewährt, der wird Engagement und Vertrauen ernten.

Anderssein einräumen

Nur gleichgepolte Mitarbeitende einzustellen, mag einige Herausforderungen umgehen, wird aber dazu führen, dass vor allem gleichgepolte Lösungen entwickelt werden. «Insbesondere eine Kombination von unterschied­lichen Sicht- und Lösungs­-Herangehensweisen kann zu neuen und ­kreativen Lösungen führen», beschreibt Ursula Graf den Nutzen des Freiraumes, so sein zu dürfen, wie man ist. Sie ergänzt: «Durch den zunehmenden Innovationsdruck, den Fachkräfte­mangel und nicht zuletzt durch den Diversitätsdiskurs haben Unternehmen erkannt, dass Pluralität im Denken, Fühlen und Handeln eine wichtige Ressource ist. Sie muss sich aber in einer entsprechenden Personal­politik abbilden und in der Unternehmenskultur eingelöst werden.» Unterschiedliche Ansichten, abweichende Meinungen und kritische Sichtweisen sollen nicht als Störfaktoren angesehen werden, sondern als Potenzial, das die Entwicklung des Unternehmens, der Produkte und der Mitarbeitenden voranbringt und zu besseren Ergebnissen führt.

Stillstand abräumen

Diese Botschaft überbrachte auch FHS-Rektor Sebastian Wörwag den anwesenden Gewerbetreibenden am letzten Zyklusanlass des Gewerbes
St.Gallen: Er forderte die Gewerblerinnen und Gewerbler auf, verschiedene Meinungen zu fördern und vor allem Kritik zuzulassen. Abweichende Ideen, Meinungen oder Wege zu einem gemeinsamen Ziel mögen zwar den allgemeinen Konsens disruptieren, aber nur so entstehen neue Lösungen, an welche zuvor noch nie ­jemand innerhalb eines per Definition engen Korsetts von «akzeptierten» Meinungen oder Lösungen gedacht hat. Bereits Henry Ford erkannte den Nutzen von Freiräumen, um sich selber oder das Unternehmen, in dem man tätig ist, zu entwickeln. Denn, wie ihm zugeschrieben wird, stellte er fest, dass wer immer nur das Gleiche macht, was er schon immer gemacht hat, der wird immer der Gleiche bleiben, der er bereits ist.

HR-PANEL STUDIE

Jährlich führt das HR-Panel der FHS eine Studie zum Thema New Work durch. Basierend auf den Resul­taten von 2019, konzentriert sich die aktuelle Studie auf das Thema Unternehmenskultur.
An der Studie kann bis Ende ­November unter folgendem Link teilgenommen werden: www.unipark.de/uc/nwk_sz
Präsentiert werden die Resultate am 3. St.Galler New Work ­Forum zum Thema «Neue Arbeitswelt – New Work Culture?». Das Forum findet am 8. Januar 2020 statt.
Weitere Informationen unter: www.newworkforum.ch 

«PLURALITÄT IST EINE RESSOURCE»

Die Fachstelle Gender und Diversity setzt sich dafür ein, die Vielfalt an der Fach­hochschule St.Gallen zu fördern, die Chancengleichheit und Partizipation aller Hochschulangehörigen zu gewährleisten sowie Diskriminierungen entgegenzuwirken. ­Ursula Graf ist Leiterin dieser Fachstelle.

Welche Freiräume sollen Unternehmen Mitarbeitenden zur Verfügung stellen?
Ursula Graf: Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien und aus unserer Umfrage bei den Hochschulangestellten der Fachhochschule Ostschweiz zum Thema Work-Life-Balance, dass Freiräume wichtig sind, damit Mitarbeitende ihre Potenziale möglichst gut entfalten können, sie längerfristig Motivation und Zufriedenheit in der Arbeit finden und gesund durchs Arbeitsleben kommen. Die zunehmende Entgrenzung von Arbeit und Privatleben stellt eine Herausforderung dar, die viele Mitarbeitende einem hohen Stresslevel aussetzt und krank macht. Unternehmen reagieren bereits mit Empfehlungen für eine Abgrenzung.

Wie können sie das tun?
Graf: Es wird zukünftig darum gehen, Mitarbeitenden möglichst vielfältige und indi­viduelle Freiräume zu gewähren und zugleich mannigfache Unterstützungsangebote bereitzustellen. Die Angebote sollten so niederschwellig und unkompliziert wie möglich verfügbar sein, ohne dass sich Betroffene gegenüber Vorgesetzten erklären müssen oder formalen Antragsverfahren unterworfen sind.

An welche Freiräume denken Sie?
Graf: Konkret heisst das beispielsweise, Mitarbeitenden mit Kindern genügend Freiräume zu bieten, damit sie die beruf­lichen Anforderungen mit den privaten Aufgaben unter einen Hut bringen können – also flexible Arbeitsmodelle anzubieten, Blockzeiten abzuschaffen, bedürfnis­gerechte Anpassungen des Anstellungspensums zu erlauben und auch mit einem Teilzeitpensum attraktive Aufgabenport­folios und spannende Karrieremöglich­keiten zu eröffnen.

Diversität bezieht sich oft auf demografische Attribute. Sind Freiräume auch für unter­schied­liche Charakteren notwendig?
Graf: Durch den zunehmenden Innovationsdruck, den Fachkräftemangel und den Diversitätsdiskurs haben Unternehmen erkannt, dass Pluralität im Denken, Fühlen und Handeln eine wichtige Ressource ist, die sich in einer entsprechenden Personalpolitik abbilden und in der Unternehmenskultur eingelöst werden muss. Vielfalt bedeutet, Menschen mit verschiedenen Lebensrealitäten und -erfahrungen, unterschiedlichen Charakteren und Arbeitsstilen Arbeiten zu ermöglichen und die Arbeitsform praktizieren zu können, die zu ihnen passt, ohne dass sie einer ­Bewertung unterliegen. Ob Teamworker oder Tüftler – alle Mitarbeitenden sollten den Raum erhalten, ihren persönlichen Arbeitsstil zu praktizieren.

Das bedeutet?
Graf: Grundsätzlich kommt es darauf an, vielfältige Perspektiven und Herangehensweisen im Arbeitsleben zu erreichen, unterschiedliche Lebensrealitäten zu fördern und unterschiedliche Facetten menschlicher Verschiedenheit im Unternehmen zu ermöglichen. Wir wissen aus Studien, dass vielfältige Teams über eine grosse Pro­blemlösungskompetenz verfügen. (jac)

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