Schlusspunkt

Das Biotop ist wichtig, nicht der Stammbaum!

Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph

Internationalisiert sind wir Schweizer, seit es uns gibt. St.Gallen gründete ein Mönch aus Irland. Uhren und Banken, die CH-Klassiker, erfan­den Hugenotten aus Frankreich, nicht Urner und Schwyzer. Unsere Maschinenindustrie verdanken wir dem Engländer Charles Brown und dem Deutschen Walter Boveri. Den Nestlé­-Konzern gründete der Frankfurter Henri Nestlé. Den America's Cup holte unser Alinghi-Team mit einer Multikulti-­Truppe aus fünfzehn Nationali­täten.

Unschlagbar sind wir nur in der Kunst des Aneignens. Manchmal schaffen wir es sogar gegen unseren eigenen Widerstand. Paradefall Italianità. Italiener liessen wir einreisen, damit sie uns die Arbeit machen, sicher nicht, damit sie unsere Kultur verändern. Machten sie aber. Mit ihrer La-vita-­è-bella-Mentalität unterwanderten sie den traditionell helvetischen Geröllhalden-Charme. Heute leben wir in den Städten praktisch mediterran, alltagskulturell sind wir italianisiert, mit Pizza, Prosecco, Espresso, Alessi, ­Armani, Eros Ramazotti… Und wie fühlen wir uns dabei? Prima.

Damit ist auch klar, was wir mit Fremden tun müssen. Möglichst nichts. Assimilieren? Lasst die Fremden fremd, die andern anders sein. Biodiversität braucht das kleine Land. Je mehr Artenvielfalt, umso überlebensfähiger. Das Biotop muss funktionieren, nicht der Stammbaum. Auf Artenschutz pochen bringt nichts. Wir brauchen Leute anderer Art, Leute, die was haben oder können, das wir nicht schon haben und können, jedenfalls nicht so oder nicht genug. Dazu drei Vorschläge: Erstens sind wir CH-Aborigines tendenziell sensible Warmduscher geworden, unter freundlicher Anleitung des Bundesamtes für Gesundheit stets darauf bedacht, uns ja nicht zu verausgaben, weder körperlich noch seelisch, Hauptsache, die Work-Life-Balance stimmt. Also hüten wir uns davor, für eine Sache richtig zu brennen, uns zu quälen. Deshalb brauchen wir zum Beispiel Balkankids, die haben mehr ­Hunger, mehr Biss, sind rücksichtsloser gegen sich, sie glaubten noch nie, auf dem Gipfel angekommen zu sein, sie schiessen für uns nicht nur im Fussball die Tore.

Zweitens sind wir Inländer für die Zukunft prekär ausgebildet, nämlich auf dem Fremdsprachentrip, im weiten Bogen um Mathematik und ähnliche Hardcore-Fächer herum. Mathematik und Informatik schreiben jedoch die Partitur der aktuellen Welt. Wer sich da nicht auskennt, wird zum Analphabeten des 21. Jahrhunderts. Ergo brauchen wir Leute auf der Höhe der neuen Weltsprache. Inder, Kambodschanerinnen.

Drittens sind wir Originalschweizer «im Prinzip muff» (sagte Hugo ­Loetscher, der Schriftsteller), sozusagen vorsätzlich schlechter Laune. Als voralpine Kleinbauern haben wir zur Weltspitze aufgeschlossen. Darauf sind wir stolz, nur ist es uns selbst nicht ganz geheuer. Nicht grad die ideale Kondition für kreative Schübe. Darum brauchen wir unbeschwertere Gemüter um uns, krass Begabte, die sich alles zumuten, sogar das ­Scheitern.

Her mit Draufgängern, Problem­knackern, Talenten. Und bloss nicht integrieren.